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Orthomolekulare Medizin:


Die orthomolekulare Medizin geht zurück auf den Nobelpreisträger Linus Pauling. Nach Pauling beinhaltet die Orthomolekulare Medizin die Erhaltung der Gesundheit und die Behandlung von Krankheiten durch Veränderung der Konzentration von Substanzen im menschlichen Körper, die normalerweise im Körper vorhanden und für die Gesundheit erforderlich sind. Es wird argumentiert, dass heutige Lebensmittel aufgrund unnatürlicher Züchtung, Transport, Lagerung und Zubereitung eine ausreichende Versorgung mit Vitalstoffen nicht mehr gewährleisten können. Zentrales Element der orthomolekularen Therapie ist daher die hochdosierte Verwendung von sogenannten Vitalstoffen. Zu den Vitalstoffen gehören in erster Linie Vitamine und Spurenelemente (1).

Was dagegen spricht:

Kritiker merken hierzu an, dass die Grundannahme einer Mangelversorgung der Bevölkerung nicht den Ergebnissen anerkannter ernährungswissenschaftlicher Studien entspricht. Darüber hinaus ist die Hochdosisgabe u.a. von Vitaminen äußerst umstritten, weil durchaus schädliche Effekte durch Überdosierung bekannt sind. So führte Vitamin E-Gabe in Dosierungen von mehr als 400 i.E. in zwei Studien (2,3) zu einer erhöhten Sterblichkeit, während zwei weitere Studien (4,5) diesem Ergebnis wiedersprachen. Eine Übersichtsstudie zur vorbeugenden Einnahme von Vitamin A, E, C, Beta-Karotin und Selen fand eine Steigerung der Sterblichkeit unter Therapie mit Vitamin A, E und Beta-Karotin, während Selen positive Effekte zeigte (6). In einer weiteren Studie mit 35 000 Männern wurde untersucht, ob die tägliche Einnahme von 400 mg Vitamin E und 200 mg Selen Prostatakrebs vorbeugen könne. Die Studie wurde abgebrochen, weil sich statt eines Schutzes ein erhöhtes Risiko gezeigt hatte (7). Auch konnte Paulings Behauptung, Vitamin C in Hochdosis schütze vor Erkältung, bislang in keiner wissenschaftlichen Studie belegt werden (8).

Was dafür spricht:

Anders stellt sich die Situation dar, wenn man von der Hochdosistherapie abrückt und die Rolle der Vitalstoffe einzeln betrachtet. So gibt es mittlerweile durchaus den Nachweis einer verbreiteten Mangelversorgung bei Vitamin D (9). Insbesondere im Alter sind auch die wirksamen Spiegel der B-Vitamine ein Problem, was sich in Untersuchungen zur Homocystein-Senkung gezeigt hat (10, 11). Ein weit verbreiteter Mangel an Selen und Zink ist im Rahmen einer neuseeländischen Studie bei Frauen mit einem mittleren Alter von 75 Jahren gefunden worden (12).

Darüber hinaus ist das Fehlen von Vitalstoffen auch im Rahmen allgemein anerkannter Konzepte für Erkrankungen verantwortlich gemacht worden. So wird „oxidativer Streß“ unter anderem angeschuldigt, Alterungsvorgänge, Krebsentstehung und neurodegenerative Erkrankungen mit auszulösen (13,14,15). Er entsteht, wenn das Gleichgewicht gestört wird zwischen antioxidativen Schutzsystemen und freien Radikalen. Zu den antioxidativen Schutzsystemen zählen dabei auch Vitamine und Enzyme, deren Funktion von Spurenelementen abhängig ist. Unklar bleibt hierbei jedoch, ob eine Zufuhr von Vitalstoffen die durch Mangel entstandenen Erkrankungen bessern kann.

Auch konnte neuerdings für Vitamin D eine Reihe positiver Effekte gezeigt werden, die eine Zufuhr sinnvoll erscheinen lassen (9, 16-19). Aktuell konnte eine im Januar 2012 im deutschen Ärzteblatt veröffentlichte Studie darüber hinaus zeigen, dass 96 % der Patienten einer geriatrischen Rehabilitationsklinik einen Vitamin-D-Mangel hatten (20). So scheint hier bei über 70-Jährigen die Zufuhr empfehlenswert.

Was sinnvoll erscheint:

Insgesamt ist die Datenlage eher schwammig. Auf der einen Seite sind schwerwiegende Nebenwirkungen von Hochdosistherapien belegt, auf der anderen Seite sind Erkrankungen und Defizite beschrieben, die mit Mangelzuständen einhergehen.

Quellenangaben:

1. Irmgard Niestroj: Praxis der Orthomolekularen Medizin. 2. Auflage. Hippokrates, Stuttgart 2001, ISBN 3-7773-1470-6

2. Yedidia Dotan, Dov Lichtenberg, Ilya Pinchuk: No evidence supports vitamin E indiscriminate supplementation. In: BioFactors. 35, Nr. 6, 2009, S. 469–473,

3. Edgar R. Miller u. a.: Meta-Analysis: High-Dosage Vitamin E Supplementation May Increase All-Cause Mortality. In: Annals of Internal Medicine. 142, Nr. 1, 2004.

4. Harri Hemilä: High-Dosage Vitamin E Supplementation and All-Cause Mortality. In: Annals of Internal Medicine. 143, Nr. 2, 2005, S. 156–158

5. Stacey J. Bell, Gregory T. Grochoski : How safe is vitamin E supplementation? In: Critical Reviews in Food Science and Nutrition. 48, Nr. 8, 2008, S. 760–774.

6. Goran Bjelakovic u. a.: Mortality in randomized trials of antioxidant supplements for primary and secondary prevention: systematic review and meta-analysis. In: JAMA. 297, Nr. 9, 2007, S. 842–857.

7. NN: Prävention mit Antioxidantien: Schaden überwiegt, arznei-telegramm, 12/2008;39: 123

8. R. M. Douglas u. a.: Vitamin C for preventing and treating the common cold. In: The Cochrane Database of Systematic Reviews. Nr. 4, 2004

9. Barnard K et al. (2010): Extraskeletal effects of vitamin D in older adults: cardiovascular disease, mortality, mood and cognition; Department of Medicine, Duke Universita Medical Center, USA

10. Henning F et al. (2001): Long-term effects of vitamin B12, folate, and vitamin B6 supplemention in elderly people with normal Serum vitamin B12 concentration. Gerontology 47, S.30-35

11. Naurath HJ et al. (1995): Effeckts of vitamin B12, folate and vitamin B6 supplements in elderly people with normal serum concentrations. The Lancet; Vol 346, S. 85-89.

12. de Jong et al.(2001): Selenium and zink status are suboptimal in a sample of older New Zealand women in a communitiy-based study. J Nutr.; 131(10), S2677-2684

13. Nagel et al.: Therapeutischer Einsatz antioxidativer Vitamine und Aspekte klinischer Ernährungsmedizin. Dtsch Arztebl 1998; 95(4)

14. David Heber, George L. Blackburn, Vay Liang W. Go, John Milner (Hrsg.): Nutritional Oncology. Academic Press, 2006. S. 314.

15. Kienzl, E. et al. (1999): Iron as catalyst for oxidative stress in the pathogenesis of Parkinson's disease? In: Life Science. Bd. 65, S. 1973–1976.

16. Adit A et al.: Internal Medicine 2009; 169; 384

17. Urashima M et al.: Am J Clin Nutr 2010; 91, S. 1255-1260

18. Ozfirat Z et al.: Postgrad Med J 2010; 86, S. 18-25

19. Joergensen C et al.: Diabetes Care 2010; 33, S. 2238-2243

20. Schilling S: Epidemic vitamin D deficiency among patients in an elderly care rehabilitation facility. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(3): 33-38