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Arterieller Hypertonus und Pulswellengeschwindigkeit

Erhöhter Blutdruck (arterieller Hypertonus) ist der Hauptrisikofaktor, der zur Arterienverkalkung (Arteriosklerose) und den Folgeschäden Herzinfarkt und Schlaganfall führt. Deswegen ist es wichtig, den Blutdruck genau bestimmen zu können. Genau dies ist mit der konventionellen Messung des Blutdruckes über eine Oberarmmanschette aber nur bedingt möglich.

1. Warum ist die Messung des Blutdruckes am Oberarm manchmal zu ungenau?

Verantwortlich für die schädigende Wirkung eines zu hohen Blutdruckes auf Gehirn und Herz ist der Blutdruck in der Hauptschlagader (Aorta). Gemessen wird jedoch der Blutdruck in einer peripheren Arterie am Oberarm. Die Drücke an Oberarm und Aorta unterscheiden sich jedoch erheblich. Das Ausmaß dieser Unterscheidung ist nicht konstant, sondern altersabhängig und hängt unter anderem mit einer steigenden Gefäßsteifigkeit im Alter zusammen.

Dadurch wird der aortale Druck im Rahmen der konventionellen Messung mit der Oberarmmanschette bei jungen Menschen überschätzt und bei alten Menschen unterschätzt.

2. Was folgt daraus?

Gerade um bei älteren Menschen das Risiko durch einen Bluthochdruck besser einschätzen zu können, ist ein neues Messverfahren nötig. Hier kommt die Pulswellengeschwindigkeit ins Spiel: je schneller die Pulswellengeschwindigkeit (PWV), desto steifer die Hauptschlagader. Und erhöhte Gefäßsteifigkeit führt zu pathologischen Veränderungen an Herz, Gehirn und Niere. Studien konnten mittlerweile zweifelsfrei zeigen, dass die Messung der PWV genauer das Risiko für zu erwartende Herzinfarkte und Schlaganfälle einschätzen kann als die bisher verwendeten Risikokalkulatoren.

Das heißt: Bei Patienten mit Bluthochdruck ist die Pulswellengeschwindigkeit ein starker unabhängiger Vorhersagewert der Sterblichkeit und klassischen Risikofaktoren überlegen

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie und Hypertonie gibt wegen dieser Zusammenhänge folgende Empfehlungen:

  1. Junge Patienten mit systolischer Hypertonie bei der konventionellen Messung über der Armarterie müssen i.d.R. nicht medikamentös behandelt werden, da der entscheidende aortale Blutdruck normal ist.

  2. Die Pulswellengeschwindigkeit (PWV) ergänzend zum Blutdruck zu messen, um die Gefäßsteifigkeit zu bestimmen.

 

3. Wann wird die Pulswellengeschwindigkeit gemessen?

In meiner Praxis kann die Pulswellengeschwindigkeit mithilfe eines innovativen Gerätes einer schwäbischen Firma gemessen werden. Dabei sind zwei Fragestellungen interessant:

A. Diagnostik von Vorhandensein und Ausmaß von Gefäßschäden

Über die Messung der PWV kann eine Aussage getroffen werden, ob bereits Endorganschäden im Sinne einer krankhaft erhöhten Gefäßsteifigkeit eingetreten sind. Doch auch wenn dies noch nicht der Fall ist, erlaubt der Vergleich der erhobenen Messwerte mit validen Normwerten eine grobe Abschätzung des biologischen Gefäßalters.

B. Feinsteuerung der Therapie

Bei einem betagten Menschen mit Bluthochdruck ist auf der einen Seite die medikamentöse Einstellung des Blutdruckes nötig, auf der anderen Seite will man eine zu straffe Einstellung mit einer daraus resultierenden Sturzgefährdung vermeiden. Hier kann die PWV die Feinsteuerung der Therapie erleichtern durch eine bessere Aussage zum Zustand des Gefäßsystems.

Die Messung der PWV unterliegt allerdings auch Einschränkungen:

Nicht sinnvoll ist die Messung bei schweren Herzrythmusstörungen wie Vorhofflimmern wegen der dann auftretenden Druckschwankungen und bei starker Herzpumpschwäche.

Quelle: Konsensus/Review article

Baulmann J., Nürnberger J., Slany J., Schmieder R., Schmidt-Trucksäss A., Baumgart D., Cremerius P., Hess O., Mortensen K., Weber T. Arterielle Gefäßsteifigkeit und Pulswellenanalyse – Positionspapier zu Grundlagen, Methodik, Beeinflussbarkeit und Ergebnisinterpretation. Dtsch Med Wochenschr 2010; 135: 4-14